Was ist Medienkonvergenz (Teil 5): Konvergenz? Welche Konvergenz? Eine neue Definition des Begriffes “Medienkonvergenz”

Teil 3 und 4 dieser Reihe relativiert den verbreitete Mythos, dass neue Technologien die Voraussetzung für das Entstehen von Partizipationskulturen sind, und dass über die Etablierung einheitlicher Standards in medienkonvergenten Angeboten die Mehrheit der UserInnen in ähnlichem Umfang behavioristisch beeinflussbar sind, wie es in der Medienökonomie der Knappheit das “Leitmedium” Fernsehen vermochte.

Stellt sich noch die Frage, inwiefern die andere These klassischer Konvergenzbetrachtung stimmt: nämlich, dass alle Services oder Medieninhalte früher oder später in einer Schnittstelle gebündelt sein müssen, um einen optimalen Medienfluss zu gewährleisten.

Konvergenz vs. Divergenz: Die neue Realität

Basierend auf dem Re-Invention-Phänomen und der Feststellung, dass neue Medien in ihrer Entstehung wie konkreten Nutzung nicht die Ursache für immer heterogener werdenden UserInnen-Netzwerke sind, sondern vielmehr deren spezifische Symptome, gibt es auch auf die Frage, welche Schnittstellen in Zukunft den Markt dominieren wird, eine klare Antwort:

Keine.

Europäische Konsumanalysen belegen, dass UserInnen aktuell mehr und zudem verschiedenere Kommunikations- und Medienanwendungen erwerben als je zuvor. Das gilt für Hardware wie Software.

Typische UserInnen medienkonvergenter Angebote verfügen heute über 16:9 HD-Fernseher, Kabel- oder Satellitenboxen, Stereoanlagen, DVD-Player, digitale Recorder, Game-Konsolen (der Trend geht zu mindestens zwei), WLAN- Router und mindestens einem Desktop-Rechner. Für unterwegs gibt es zudem Laptops, iPods, Handies, BlackBerrys, Game Boys, und was man sonst je nach dem persönlichen Bedürfnis so dabei hat. Der Kabelsalat, der diese und alle sonstigen Geräte miteinander verbindet, repräsentiert die Disfunktionalität und unterschiedlichen Standards dieser Geräte, die sich in Zukunft selbst durch WiFi- oder WLAN- Lösungen nicht wirklich wegdiskutieren lassen werden.

Im Softwarebereich, egal ob am Desktop- oder Webtopsektor sieht die Situation nicht anders aus. Eher ist sie sogar noch diversifizierter: Mehrere Office-Applikationen, ein e-Mail Client, 1-2 Instant Messaging Applikationen, ein Musikprogramm (mit oder ohne eingebauten Online-Shop), häufig ein Foto-Tool und natürlich ein Internetbrowser sind auf fast jedem Rechner permanent geöffnet.
Mitgliedschaften in 1-2 größeren Social Networks und mindest einer “nerdigen” Community (egal ob das jetzt ein Online Pokerclub oder eine Sci-Fi-Galaxie ist) verstehen sich von selbst und zählen zur Grundausstattung. Der Trend zu Widgetsammlungen für jeden Geschmack, welche die UserInnen zu zahllosen Portalen und Online-Applikationen schleusen, steht gerade erst am Beginn. Von “Spezialapplikationen” wie Grafik-, oder Schnittsoftware, Wikis, Online-Organizing-Lösungen und Börsentools ganz zu schweigen.

Und sonst? Auch für die Entwicklung des europäischen Mobilfunkmarktes stellt Jim McCafferty, Head of Research der Seymour Pierce Investment Bank, London in der Mai 2007 Ausgabe der englischen Zeitschrift Monocle fest: “Most European companies that have tried to be all things to all people have expressly failed to deliver while investors prefer focused companies anyway. Although each country is different, the European market has generally been moving away from convergence over the past 10 to 15 years.”

Brauchen wir überhaupt eine Blackbox?

Deshalb hier die Entscheidungsfrage: Wäre ein zentral verwalteter Container, also eine physische oder virtuelle Blackbox, in dem das Chaos aller verfügbaren Services und Angebote in einem Flaschenhals zusammen läuft, damit es ein für alle mal in einem Meta-Directory geordnet wird, überhaupt wünschenswert? Brauchen wir einen allgemein gültigen Standard, den alle begreifen und auf dessen Basis alle UserInnen genau das beziehen können, was sie wollen?

Nein. Brauchen wir nicht! Und zwar deshalb, weil die Information, geordnet oder nicht in dieser Massierung irrelevant wäre und weil ein derartiges Top-Down-Directory die Entwicklung neuer Medien in heterogenen Netzwerken behindern würde.

Insofern ist ein dezentraler Ansatz, also einer der sich vom Zentrum verabschiedet und auf das kreative Nutzungs- wie Entwicklungspotential unzähliger Enden setzt, an denen grosse Unternehmen, Start-ups aber auch Amateure stehen können, sowohl in Bezug auf die Stabilität, die Diversität aber auch bezogen auf das sich dadurch vervielfachende Wachstumspotential der Medienökonomie vorzuziehen.

Konvergenz? Divergenz? – was stimmt dann jetzt eigentlich?

Die Antwort lautet: Beides.

Deshalb hier eine neue Definition für die Entwicklung der Medienkonvergenz in der Zukunft, die auf ein Statement einer 2002 Studie von Cheskin Research aufbaut, und alle beschriebenen Elemente der letzten Postings berücksichtigt:

War es die klassische Idee von Konvergenz, dass alle Hardwaregeräte und Applikationen in einer zentralen Schnittstelle zusammengefaßt werden (die so etwas wie eine universale physische oder virtuelle Fernbedienung/Blackbox darstellt), liegt das eigentliche Potential von Medienkonvergenz darin, dass sich auf der einen Seite die Schnittstellen vervielfachen und auseinanderdriften (Divergenz), während auf der anderen Seite die verschiedensten Inhalte zusammenlaufen (Konvergenz)!

Was heisst das? Es heisst:

  • Eine wachsende Anzahl von spezialisierten Geräte und Applikationen, die aber auf generischen Ansätzen basieren, um so neue Innovation und Re-Invention-Prozesse zu begünstigen, die auf bestehende Technologien aufbauen können.
  • Und noch mehr digitale Inhalte, deren Eigenheit ist, dass sie im Optimalfall über alle dafür bereits vorhandenen aber auch alle in Zukunft dafür denkbaren, also noch zu entwickelnden Schnittstellen in jeder beliebigen Kombination mit anderen Inhalten genutzt werden können.

Das ist Medienkonvergenz, wie sie sich schon heute aktuell darstellt.

Unternehmens vs. UserInnen: partnerschaftliche Koexistenz oder ewiger Konflikt?

Auf der einen Seite beschleunigen Unternehmen über den Aufbau eines komplexeren und diversifizierender werdenden Informations- und Unterhaltungssystems den Medienfluß mit dem Ziel, neue Märkte zu erschließen, das UserInnen-Comittement zu stärken und daraus Wachstum zu generieren.

Auf der anderen Seite lernen die UserInnen, wie sie diese neuen Technologien nutzen können, um den Medienfluß unter ihre Kontrolle zu bringen, und mit anderen UserInnen interagieren zu können.

Das Versprechen, das hinter medienkonvergenten Angeboten liegt, erhöht dabei die Erwartung, dass es in Zukunft einen freieren Fluß an Ideen, Inhalten und Visionen aller Art geben wird, was auf UserInnenseite das Bedürfnis verstärkt, in dieser, ihrer eigenen Kultur mitpartizipieren zu wollen.

Was daraus unweigerlich entsteht ist ein Top Down/Bottom Up Prozess, der aktuell zwei Gesichter hat:

Manchmal ergänzen und bestärken sich Top Down Aktivitäten und Bottom Up Bewegungen und schaffen engere sowohl für Unternehmen wie UserInnen lohnenswerte Beziehungen.

Manchmal sind diese beiden Kräfte in Opposition, was zu Mißverständnissen und erbitterten Kämpfen führen kann, von denen letztlich beide Seiten nicht profitieren werden.

Je nachdem, welchen dieser beiden Wege wir einschlagen, werden die Prozesse, die sich daraus ergeben eine signifikante Auswirkung darauf haben, welche Richtung die soziale und kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft in Zukunft nehmen wird.

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