Was ist Medienkonvergenz (Teil 2): Technische Konvergenz

Kaum einem Aspekt wird in der Konvergenzdiskussion mehr Bedeutung zugemessen als Technologie.

Was ist technische Konvergenz? Ist sie der Weg in eine neue Freiheit, wie Clay Shirky glaubt? Oder ein Rückschritt in ein globales Überwachungsdorf, wovor Richard Barbrook warnt? Entfesselt Technologie die Weisheit der Massen? – Das argumentiert James Surowiecki. Oder führt sie zu einem Kult des Amateurhaften? – So sieht es Andrew Keen.

Woodstock Reloaded

Was unter dem Tag Technologie in Zeitungen und Blogs neben und manchmal sogar in den Testberichten zu den neuesten Gadgets zu lesen ist, erinnert an den Diskurs einer neuen Popkultur: Ein Woodstock Reloaded. Mit dem Unterschied, dass ein Song ein Leben verändern kann, Technologie angeblich aber gleich eine ganze Gesellschaft.

Dieser Glaube wird in einer technologisch fokussierten Mediengesellschaft nicht zuletzt deshalb zum Mainstream, weil kollektiv gespürt wird, dass bei aller Begeisterung für die iPhones, Vistas, Googles, My Spaces aber auch Wikipedias dieser Welt, der Hype darum per se nicht alles sein kann, um was sich unser Leben heute und in Zukunft drehen kann.

Umso wichtiger ist es, im tausendsten Blog zum tausend und ersten mal nüchtern betrachtet darauf hinzuweisen, was technische Konvergenz wirklich ist: Weder ein Ideal noch ein Horrorszenario. Weder Heilsbringer noch ein Zerstörer. Und keinesfalls etwas, das sich auf Schwarz oder Weiss reduzieren läßt. Technische Konvergenz ist einfach nur ein formaler Prozess.

Technische Konvergenz = Digitalisierung + Kommunikation.

Technische Konvergenz entsteht:

  • wenn, wie es Nicholas Negroponte 1995 in seinem Buch “Being Digital” definierte, Atome in Bits übersetzt werden, d.h. Informationen digitalisiert werden,
  • und wenn es Geräte oder Kanäle gibt, in dem diese Bits zusammenfliessen und über die sie übertragen werden können.

Dabei gilt: Je freier die Bits fliessen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus ihrer Kombination Ergebnisse entstehen, die grösser sind als die Summe der einzelnen Teile, aus denen sie sich zusammensetzen.

Digitalisierung und die Möglichkeit zur Kommunikation – das ist technische Konvergenz. Mehr nicht.

Digitalisierung + Kommunikation = Mash-up

Technologisch gesehen gibt es also keinen Unterschied in der Verarbeitung eines Rock-Songs, einem Telefonanruf, einem Buch, einem TV-Programm, einer Grafik oder einer Einkaufsliste. Alles kann digitalisiert werden, und alles, was digitalisiert werden kann, kann auf einem Computer präsentiert und über dasselbe Netzwerk oder ein anderes übertragen werden:

“Bits co-mingle effortlessly. They start to get mixed up and can be used and re-used separately or together. The mixing of audio, video, and data is called multimedia. It sounds complicated, but it’s nothing more than co-mingled bits.” (Nicholas Negroponte, Being Digital)

Es geht also wieder mal nur um Einser und Nullen. Voneinander isoliert kann man sie mit Schwarz oder Weiss gleich setzen. In ihrer Aneinanderreihung erzeugen sie unendliche Sphären von Grautönen, die nie mehr wieder Schwarz oder Weiss sein werden…

… außer das System stürzt ab. Das wäre nämlich das eigentliche Horrorszenario. Und daher Schluss mit Schwarz-und-Weiss-Denken.

Das zentrale Prinzip der technischen Konvergenz sind vielmehr Mash-ups. Mash-ups und Mash-Ups der Mash-ups.

Aus einer technologischen Perspektive heraus lässt sich dabei allerdings NICHT sagen, welches Mash-up, welches Service oder welches neue Medium besser ist als ein anderes, geschweige denn, wohin uns technologische Konvergenz ökonomisch und sozial führen wird.

Die Bewertung der Ergebnisse und der Umgang mit technischer Konvergenz ist vielmehr eine Frage der Betrachtungsweise, die der amerikanische Journalist Mike Langberg so beschreibt:

“If all you have is a hammer, everything looks like a nail.”

Die Werkzeuge, die einem Player zur Verfügung stehen, bestimmen seine Betrachtungsweise auf die Welt. Der Nagel ist in dem Fall die technische Konvergenz. Der Hammer ist der Point-of-View, von dem aus jeder Player das Problem der technischen Konvergenz, ausgehend von der eigenen Stärke, auf seine Weise angeht:

  • Für Microsoft ist Konvergenz ein Softwareproblem, das am besten über ein Upgrade des proprietären Betriebssystems zu lösen ist.
  • Intel sieht in der Konvergenz Mikkroprozessorenproblem, das über das Design der Viiv™ Technologie gelöst werden soll.
  • Cisco sieht Konvergenz als Problem des Heim-Netzwerkes, das durch – Überraschung! – neue Netzwerktechnologie gelöst werden soll.
  • Sony sieht Konvergenz als Hardwareproblem der UserInnen. Folglich liegt die Lösung in neuen Engeräten und Standards, die rund um die Playstation entwickelt werden.

Alle zusammen sehen in der Konvergenz das Problem, dass sie nicht mehr, bzw. wesentlich weniger als früher wissen, ob ihre Lösungen die Richtigen sind, d.h ob sie erfolgreich sein werden oder nicht.

Deshalb wächst in den Unternehmen die Unsicherheit genauso wie bei den UserInnen, die realisieren, dass es entgegen analoger Zeiten, nicht mehr darum geht, sich für Schwarz oder Weiss zu entscheiden, sondern dass das konvergente Zeitalter ihnen zwischen diesen beiden Polen eine unendliche Auswahl von Grautönen bietet, von der keine die absolut Beste sein wird, aber von denen alle, je nach Betrachtungsweise der UserInnen, das Potential haben, „gut genug“ zu sein.

Was sich daher doch wieder sagen lässt, ist, welche vier Argumente dafür sprechen, dass technische Konvergenz so rasend schnell zur Realität wird und so gut wie unumkehrbar ist:

1.) Bits sind billig.

Einmal digitalisiert, lassen sie sich beliebig oft reproduzieren. Von Unternehmern wie von UserInnen. Ob letzteres gut ist oder nicht, ist auch in diesem Fall eine Frage der jeweiligen Betrachtungsweise. Technologisch ist Reproduzierbarkeit eine Realität, die einer nachhaltigen ökonomischen Lösung bedarf. Im Einklang mit den Interessen der Unternehmen UND der UserInnen. Ob verschärfte Copyright-Gesetze und Digital-Rights-Management-Systeme dabei die richtige Strategie sind, ist angesichts der Krise in der Musikindustrie zweifelhaft.
Ein allgemein anerkannter Vorteil der digitalen Reproduzierbarkeit ist dafür, dass Unternehmen Kopien von Bits nicht im Voraus produzieren müssen, was zumindest in diesem Bereich die Risiken minimiert. Hinzu kommt: Der Speicherplatz, um Bits zu lagern, wird ebenso immer billiger und ist im Vergleich zum Aufwand, den physikalische Lagermöglichkeiten erfordern (Regale, Papier, aber auch haptische Datenträger digitaler Produkte wie CDs und DVDs), marginal. Dasselbe gilt für den Transport von Bits.

2.) Bits sind qualitativ hochwertig und passen sich immer der Situation an.
Im Gegensatz zu einer Videokassette kann ein hochauflösendes digitales Videofile je nach Anwendungsgebiet in jeder beliebigen Auflösung ausgegeben werden: für die Projektion in einem Kinosaal, die Ausstrahlung auf einem HD-Fernseher, die Ausgabe auf eine DVD, oder als streamingfähiges Video unter Berücksichtigung wechselnder Bandbreiten, genauso wie für die Nutzung auf mobilen Mediaplayern oder Handies.

3.) Bits können zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten sein.
Das ist das Prinzip der Meta-Informationen, die bestimmte digitale Informationen leichter auffindbar machen, das Mash-Up Prinzip begünstigen, und die, einzeln oder in der Summe, den Bedürfnissen der Unternehmen und UserInnen, wenn auch nie zu 100%, so doch auf hohem Level, also “gut genug” gerecht werden können.
Aber ist “gut genug” wirklich gut genug? – Es ist besser als Schwarz-Weiss. Um es klar zu stellen: Perfektion gab es auch im analogen Schwarz-oder-Weiss-Konzept nicht. Perfektion war, ist und wird immer sein: ein unerreichbares Ideal, bei dem sich mehr denn je die Frage stellt, warum wir es verfolgen sollten: Aus der Psychologie wissen wir, dass Perfektionismus die Hauptursache für klinische Depression ist. Aus der Ökonomie wissen wir, dass in perfekten Systemen der Profit verschwindet. Vielmehr ist ein System der wechselseitigen Unsicherheit die Grundvoraussetzung für Glück und Profit. (siehe Armen Alchian: “Uncertainty, Evolution and Economic Theory”) Es mag zunächst paradox klingen, dennoch gilt: Unsicherheit ist per se nicht schlecht, sondern eine Option für ökonomisches wie soziales Enrichment.

4.) Die Bandbreite, um Bits zu übertragen, wächst exponential.
Die flächendeckenden Abdeckung mit Breitbandlösungen und leistungsstarken Mobilfunknetzen nähert sich immer schneller einem Punkt, an dem die Übertragung auch großer Datenmengen zwischen beliebigen Orten oder UserInnen so gut wie kein Problem mehr darstellt. Die Bits sind schnell, und anders als beim Versenden von Briefen (kostet Zeit) oder in der klassischen Telefonie (kostet Geld) ist physische Entfernung keine entscheidende Dimension, welche das Senden oder Empfangen von digitalen Information beeinflusst.

Einer für Alle oder Alle für Einen

Womit wir bei der Gretchenfrage technischer Konvergenz ankommen, die seit dem Beginn der Konvergenzdiskussion die Unternehmen mehr beschäftigt als die UserInnen:

Wird es in Zukunft ein All-In-One-Gerät geben, in dem alle Informationen zusammenlaufen, und auf das sämtliche Medienflüsse zugeschnitten sein werden? Oder werden die UserInnen viele unterschiedliche Geräte nutzen, die jeweils einen speziellen Anwendungsbereich abdecken? Was also? Schwarz oder Weiss?

Dazu gibt es auf UserInnen wie Unternehmerseite unterschiedliche Auffassungen. Weshalb die Antwort wieder in der Grauzone liegt. Sie lautet: Sowohl als auch. Die aktuelle Tendenz zeigt, dass es zwar immer mehr spezialisierte Geräte gibt, dass aber jedes einzelne dieser Geräte über eine Vielzahl von zum Teil ähnlichen Anwendungsmöglichkeiten verfügt, dass aber trotzdem die meisten dieser Geräte nicht miteinander kompatibel sind.

Wirklich wichtig für unsere Zukunft wird es daher kaum sein, ob wir nur mehr mit einem iPhone durch die Gegend laufen, oder mit einem Handy, einem Mp3-Player UND einem Gameboy. Beide Varianten finden Abnehmer und sind lediglich ein individueller Ausdruck für unsere jeweiligen sozialen Eigenheiten bzw. unser spezifisches Bedürfnis nach Kommunikation und Unterhaltung. Das gilt auch dafür, ob wir zuhause entweder in einen intelligenten Fernseher oder einen degenerierten Computer glotzen.

Viel entscheidender ist es dagegen, WIE die Bits auf all diesen Geräten ankommen: Aus einem smarten oder einem dummen Netzwerk.

Besser wäre das dumme. Warum?- Darum geht´s im nächsten Teil dieses Kompendiums.

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