Mit dem aktuellen Fokus-Call setzt departure auf das Thema der Zusammenarbeit zwischen klassischer und Kreativwirtschaft. Eine Expertenrunde unterhält sich mit der »Presse am Sonntag« über die Möglichkeiten, eine neue Unternehmenskultur entstehen zu lassen.
Von Norbert Philipp und Daniel Kalt
Gesprächspartner: Bettina Leidl (Geschäftsführerin departure), Gerhard Hirczi (Geschäftsführer Wirtschaftsagentur Wien), Doris Rothauer (Door-Opener Kreativwirtschaft), Thomas Jozseffi (Door-Opener klassische Wirtschaft), Adam Wehsely-Swiczinsky (aws designteam)
Im neuen Fokus-Call steht erstmals keine Kreativdisziplin im Mittelpunkt, sondern das Thema „Kooperation“ zwischen klassischer und Kreativwirtschaft. Dieser Ansatz einer, laut begleitendem White Paper, „Transdisziplinarität“ löst die „Interkreativität“ ab, von der davor zu hören war. Soll es etwas handfester zugehen als zuletzt?
Bettina Leidl: Das Thema Kooperation ist eine logische Weiterentwicklung. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass der Zugang von Kreativen zum Markt, zu Produktionsmitteln, zum Vertrieb, zu Partnern in der klassischen Wirtschaft ein zentrales Thema ist. Da wollte ich ansetzen und einen Weg finden, die Bereiche gegenseitig voneinander profitieren zu lassen. Umgekehrt ist es ja so, dass Betriebe der klassischen Wirtschaft, wie man sie in Wien findet, meistens keine großen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen haben. Zugang zu Innovation ist eine wichtige Voraussetzung für Wachstum und Erfolg.
Muss man aber mit einem Fördercall erst finanzielle Anreize schaffen, damit es zu solchen Kooperationen kommt?
Leidl: Wir müssen die Öffnung füreinander beschleunigen und die Grenzen zwischen Content-Entwicklung und Produktion aufheben. Es handelt sich diesmal um einen horizontalen Call, an dem alle Kreativdisziplinen teilnehmen können. Auch das war mir wichtig, hier von Anfang an die nötige Breite aufrecht zu erhalten.
In der Ausschreibung ist zu lesen, dass departure für diesen Call mit der Wirtschaftsagentur Wien zusammenarbeitet. Nun ist departure ohnehin eine Tochter der Wirtschaftsagentur – warum weist man also ausdrücklich auf die Partnerschaft hin?
Gerhard Hirczi: Die Zusammenarbeit verläuft bei diesem Call enger als sonst, und die Wirtschaftsagentur betritt damit durchaus Neuland. Dass wir erstmals eine Förderaktion mit einer Tochterorganisation durchführen, ist eine bewusste Entscheidung: departure ist da positioniert, wo die kreative und die klassische Wirtschaft aufeinander treffen. Und wir setzen mit unserem breiten Portfolio genau hier wirksam an, weil wir sehr unterschiedliche Bedürfnisse abdecken. Dadurch können innovative, nachhaltige Projekte ermöglicht werden.
Adam Wehsely-Swiczinsky: Das heißt, im Rahmen des Calls wird departure die Kreativen fördern und die Wirtschaftsagentur die Unternehmer?
Hirczi: So ist das gedacht, ja. departure hat ja eine Richtlinie, derzufolge gewisse Unternehmen gefördert werden, und die Förderabteilung der Wirtschaftsagentur ebenfalls. Die Geförderten werden natürlich nicht merken, welches Mascherl auf der Förderung klebt – denn wichtig ist, dass wir gute Projekte ermöglichen.
Wehsely-Swiczinksy: Ich finde den Call, wenn ich ihn richtig verstanden habe, wirklich sinnvoll. Das Hauptproblem für viele Kreative ist ja der Zugang zu Produzenten und potenziellen Partnern, die erst ihre Design-Awareness entwickeln oder überhaupt Design verstehen müssen. Der nächste Schritt ist ihre Kooperationsbereitschaft und irgendwann auch die Inanspruchnahme von Kreativleistungen ohne Förderung. Doris Rothauer: Ich finde, dass neben dem eigentlichen Förderaspekt der Kooperations-Call zwei Welten näher zusammenrücken lässt. Da geht es um das Aufbrechen von Stereotypen und Fremdbildern zwischen beiden Sparten, darum, dass man die Arbeitsweise, die Unternehmenskultur, die Rahmenbedingungen im jeweils anderen System kennenlernt. Im besten Fall könnte das dazu führen, dass damit die Weichen für die Zukunft gestellt werden.
Zur Begleitung des Fokus-Calls wurden mit Doris Rothauer und Thomas Jozseffi zwei sogenannte „Door-Opener“ bestimmt. Welche Türen werden Sie denn öffnen?
Thomas Jozseffi: Ich bin ja froh, das möchte ich einmal festhalten, dass man jetzt so ein Schritt setzt. Wir dürfen unsere wirtschaftliche Entwicklung nicht isoliert sehen und vergessen, dass Österreich, und damit auch Wien, als Fertigungsstandort ausgedient haben. Vielmehr haben wir Exportaufgaben zu erfüllen und sind einer globalen Konkurrenz ausgesetzt. Da ist Design, sind alle Kreativdisziplinen wichtig. Einen Wettbewerbsvorteil können unsere Unternehmen nur erwerben, wenn sie sich auf das besinnen, was die Menschen zwischen den Ohren haben – den Geist, die Erfindungs- und Schaffenskraft von jedem Einzelnen. Nun sind Frau Rothauer und ich nicht eine Datenbank, die alle Wirtschaftstreibenden und alle Kreativen listet, aber wir haben doch miteinander in der klassischen und der Kreativwirtschaft ein großes Netzwerk. Und wir werden versuchen, Brücken zu bauen, als Übersetzer zu fungieren.
Wie soll das aber funktionieren: Wird man potenzielle Partner zueinander führen? Begleiten sie fix und fertig eingereichte Projekte? Klopfen Sie an bei Unternehmern und sagen, reicht eine Idee ein?
Leidl: Die Anfragen und Beratungsgespräche werden bei departure stattfinden. Möglich sind Projekte, bei denen Kreative und Unternehmer schon zueinander gefunden haben. Oder ein Kreativunternehmer kommt mit einer Idee zu uns, und wir suchen gemeinsam nach einem Partner aus der klassischen Wirtschaft. Oder umgekehrt.
Hirczi: Was zählt ist die Kooperation – denn genau die kann ja zu einem positiven Kulturwandel in einem Unternehmen beitragen. Es geht also nicht, dass jemand mit einem fertigen Produkt kommt und sich einen Partner sucht, der das dann umsetzt. Für uns zählt eine nachhaltige Zusammenarbeit.
Wehsely-Swiczinsky: Aus der Sicht eines Designers ist ja das Schwierigste, durch die Tür zu kommen und den nötigen Grundrespekt herzustellen. Damit eine erfolgreiche Zusammenarbeit stattfinden kann, muss ein Vertrauensverhältnis hergestellt werden. Erst dann kann der eine dem anderen erzählen, was er für seine Firma braucht, welche Probleme er hat.
Rothauer: Das ist auch eine Frage der gegenseitigen Wertschätzung. Um die zu erreichen, muss man vermitteln und moderieren.
Wehsely-Swiczinsky: Auch wenn Herr Jozseffi zuvor gemeint hat, er sei keine Datenbank – aber eine Art Partnerbörse, ein Pool, bei dem Kreative und Unternehmer vermittelt werden, wäre tatsächlich eine gute Sache. Da könnte man auch sagen, ihr kriegt gar kein Geld von uns, sondern wir stellen gemeinsames Coaching und helfen euch dabei, den richtigen Counterpart zu finden.
Sie meinten, am schwierigsten sei es für Kreative, durch die Tür eines Unternehmens zu kommen. Wie haben Sie das geschafft, bei Otto Bock, bei Elan, bei Head?
Wehsely-Swiczinsky: Das meiste funktioniert über Mundpropaganda bzw. man wandert man von Partner zu Partner weiter. Viele Unternehmen kooperieren ja miteinander, und es gibt starke Netzwerke. Für uns war das oft hilfreicher, als durch Eigeninitiative Projekte zu starten, mit denen wir auf potenzielle Partner zugegangen sind. Wenn es jemanden gibt, der für unsere Qualität und Verlässlichkeit bürgt, haben wir natürlich einen Vertrauensvorschuss.
Rothauer: Der Call soll aber über die Möglichkeiten einer reinen Kontaktbörse hinaus aufzeigen, was überhaupt möglich ist, welche Bandbreite an Kooperationen es geben kann. Herausforderungen gibt es für beide Seiten. Wer ein konkretes Produkt hat und mit einem Designer kooperieren will, tut sich wahrscheinlich leichter als jemand, der nach Innovation sucht, aber noch nicht weiß, welches Produkt oder welche Dienstleistung das sein könnte.
Jozseffi: Bis jetzt haben wir hauptsächlich über das Gestalterische geredet, für mich ist Design aber auch Materialforschung, was schon an den Kunstuniversitäten in und um Wien, dazu gehören auch Linz und St. Pölten, gelehrt wird. Wenn wir die Kreativität der in- und ausländischen Studenten mit guten Handwerksbetrieben kombinieren, hier gute Brücken schlagen können, halte ich das ebenfalls für ein wichtiges Signal.
In manchen Bereichen, etwa der Architektur, dem Industrie- oder Kommunikationsdesign, stehen Kooperationen zwischen Kreativen und Bauherren, Produktions- oder Vertriebspartnern an der Tagesordnung. Was entscheidet also über die Förderbarkeit: der Innovationsgrad? Oder kann sich ein Unternehmen so Flagship-Architektur mitfinanzieren lassen?
Leidl: Wir legen Wert darauf, dass es sich nicht um eine Auftragssituation handelt. Wenn ich mir einen Shop oder meine CI neu gestalten lasse, ist das keine Kooperation, keine nachhaltige Partnerschaft in unserem Sinne.
Rothauer: Kooperation steht für Agieren auf Augenhöhe, es soll kein Verhältnis werden: Hier Auftraggeber, dort Auftragnehmer.
Einmal konkret gefragt: Wenn sich eine österreichische Firma, die im Modebereich tätig ist, etwa eine Textilkette wie Jones oder Kleider Bauer, oder eine Modemarke wie Geiger, einen Designer für eine Capsule Collection ins Boot holt, ist das dann innerhalb der Ausschreibung förderbar?
Leidl: Das kommt drauf an, wie der Designer beteiligt ist, wie das Projekt angelegt ist. Wenn es sich um eine partnerschaftliche Zusammenarbeit handelt, dann schon. Wenn es sich um einen einmaligen Auftrag handelt, der durch ein Honorar abgegolten wird, dann nicht. Es geht letztlich um kontinuierliche Kooperationen, getragen von Offenheit und Vertrauen.
Rothauer: Umgekehrt könnte ich mir vorstellen dass ein produzierendes Unternehmen an einen Designer mit der Bitte herantritt: Wir möchten innovativer sein, was können wir tun? Und der Designer entwickelt dann eine Strrategie, die sich im genannten Beispiel auch in Form einer Kollektion manifestieren kann. Es handelt sich aber trotzdem um eine andere Herangehensweise, als einfach nur ein Produkt zu beauftragen.
Wehsely-Swiczinsky: Ich möchte dazu bemerken, Lizenzverträge sind nicht immer das Um und Auf. Manchmal ist es in Ordnung, wenn ein Unternehmer das gemeinsam entwickelte Produkt vertreibt, und man kassiert einen Prozentsatz. Gerade in der Kooperation mit KMUs oder EPUs sind aber die Vertriebswege und Netzwerke um vieles kleiner. Da ist es mitunter sinnvoller, dass man etwas für einen Unternehmer entwickelt und dann sagt: Das ist jetzt deines, du trägst das Risiko, ich stehe für den kreativen Teil, und du machst den unternehmerischen Teil. Auch das muss man natürlich kooperativ lösen. Ich finde es aber durchaus in Ordnung, wenn man die Verwertungsrechte in Bausch und Bogen mitverkauft. Bei manchen Aufträgen geht es ja um relativ kleine Stückzahlen, die aber einen hohen PR-Wert für ein Unternehmen haben.
Wenn aber beide Partner eine bestimmte Unternehmensgröße nicht überschreiten, wird eine Kooperation nur schwer ein solches Volumen erreichen, dass das Modell der Umsatzbeteiligung lukrativ ist.
Leidl: Von unserer Seite gibt es in puncto Projektgröße keine Vorgaben. Wichtig ist mir festzhalten, dass der Call auch für Non-Profit-Unternehmen offen ist. Das Ziel ist der gesellschaftliche Mehrwert, nicht nur der unternehmerische. Es gibt soziale Einrichtungen, die sehr erfolgreich mit Kreativen kooperieren, das darf man auch nicht außer Acht lassen. Wir würden uns auch über Einreichungen mit experimentellem Charakter freuen und sind gespannt, welche Kooperationen sich aus dem Call ergeben.